

Das prachtvolle Patrizierhaus Ecke Bergstraße / Bornhardtstraße im Zentrum von Zellerfeld wurde 1673 erbaut. Heute befindet sich im Erdgeschoss die Tourist Information Clausthal-Zellerfeld, der „Tugendsaal“ im ersten Stock ist ein kleiner Veranstaltungsort. Außerdem hat hier die HARZ-Agentur GmbH ihr Büro; im Obergeschoss sind die Räume des Stadtmarketings, im Dachgeschoss ist die Freie Schule für Gestaltung.
Seinen heutigen Namen hat das Gebäude von einem
Dachdeckermeister, dem es in der Kaiserzeit
gehörte. Eigentlich müsste es eher nach seinem
Erbauer „Daniel-Flach-Haus“ heißen. Durch familiäre
Beziehungen der Erbauer - Daniel Flach und der
Zellerfelder Bergapotheker Andreas Herstelle hatten
Schwestern geheiratet - steht das Dietzelhaus in
engem Zusammenhang zur Bergapotheke, ebenfalls aus
der Zeit gleich nach dem großen Stadtbrand. Beide
Gebäude zeichnen eindrucksvolle Stuckbilder und
-verzierungen aus, die sich jedoch hinsichtlich der
Themen und ihrer Ausgestaltung voneinander
unterscheiden.
Von Mai bis Oktober finden seit 2005 etwa einmal
pro Monat Führungen durch das bauhistorisch sehr
bedeutsame Dietzelhaus statt. Die Termine erfahren
Sie bei der Tourist Information.
Oberbergmeister Daniel
Flach
Daniel Flach war ein ambitionierter Bergbeamter auf
dem Höhepunkt seiner Karriere, als Mitte Oktober
1672 ein verheerender Brand innerhalb weniger
Stunden mehr als drei Viertel aller Zellerfelder
Häuser vernichtete - darunter die beiden Kirchen,
das Rathaus, das Fürstliche Amtshaus mit der Münze
und die meisten Wohnhäuser. Daniel Flach ließ den
repräsentativen Neubau seines Hauses über den
Kellergewölben zweier Vorgängergebäude errichten.
Der imposante Fachwerkbau am historischen
Marktplatz zeugt von der gesellschaftlichen
Bedeutung seiner vermögenden Familie.
Im Alter von etwa 40 Jahren hatte Daniel Flach
wenige Zeit vor dem Brand die 19jährige Anna
Magdalena Drechsler geheiratet. Sie war Tochter des
Clausthaler Zehntners (des höchsten Finanzbeamten
vor Ort) und dürfte eine stattliche Mitgift
erhalten haben. Das Allianzwappen der beiden
Familien über der Tür des Dietzelhauses deutet
darauf hin, dass auch Mittel aus dem Vermögen von
Anna Magdalena Drechsler in den Bau und die
Ausstattung des neuen Hauses einflossen.
Daniel Flach führte nicht nur Aufsicht über die
Bergwerke, zu seinen Aufgaben gehörte auch der
Wiederaufbau der Stadt und der fürstlichen Münze.
Um eine für die damalige Zeit moderne neue Stadt zu
schaffen, mussten viele Grundstücke neu vermessen
und getauscht werden. Er bewies großes
Organisationstalent, denn schon im Frühjahr 1673
wurde mit dem Wiederaufbau der Stadt begonnen. Vor
allem die schachtbrettartig angelegten und
begrünten Straßen strahlen noch heute ein
besonderes Flair aus.

Architektur und
Inneneinrichtung
Ursprünglich hatte das Gebäude eine
fachwerksichtige Fassade mit aufwändigen
Schnitzereien, die heute durch die Holzverkleidung
verdeckt wird. Schon bald nach Daniel Flachs Tod
wurden bauliche Veränderungen im Stil der Zeit
vorgenommen, die dem Haus einen veränderten
Raumeindruck geben. Fenster wurden vergrößert, ein
seitlicher Anbau geschaffen, und in die Deele wurde
ein repräsentatives Treppenhaus eingebaut. Um den
ursprünglichen Charakter des Hauses zu spüren,
braucht man heute Informationen und ein wenig
Fantasie.
Das Erdgeschoss
Durch die schwere Tür (im Original erhalten) trat
man in eine (ursprünglich zweigeschossige) Deele.
Rechts des Eingangs lag das Büro des
Oberbergmeisters (heute Tourist Information). Zu
Daniel Flachs Zeit hatte das Haus auf der rechten
Seite noch keinen zweistöckigen Anbau, sondern nur
einen ebenerdigen, vom Wohnhaus völlig abgetrennten
separaten Raum mit dicken Steinmauern und einem
Kreuzgewölbe. Zum Schutz vor Bränden wurden in
diesem „Tresor“ genannten Raum alle privaten
Wertgegenstände und Dokumente sowie auch die
wichtigen dienstlichen Unterlagen des Hausherrn
verwahrt.
Auf der linken Seite der Deele war einen
prächtiger Raum mit stuckverzierten Deckenbalken
(heute Leseraum der Tourist Information). Weil das
fürstliche Amtshaus abgebrannt war, konnte Daniel
Flach hier den Berghauptmann und andere Adlige
standesgemäß unterbringen.
An der Hinterseite des Gebäudes befanden sich die
Küche mit einer riesigen Esse (rechts) und das für
heutige Vorstellungen bescheidene Privat-Gemach des
Oberbergmeisters Daniel Flach (links).

Das erste Stockwerk mit dem
„Tugendsaal“
Die Räume im ersten Stock erreichte man
ursprünglich über eine quer zur zweigeschossigen
Deele verlaufenden Treppe und eine Galerie. Nach
Daniel Flachs Tod wurde in die Deele das
repräsentative Treppenhaus eingezogen, das noch
heute zu sehen ist.
Im Familienleben der bürgerlichen Oberschicht im
17. Jh. war die Welt der Frauen weitgehend getrennt
von der Welt der Männer. War Daniel Flach im
Erdgeschoss zu Hause, so gehörte das erste
Stockwerk der Hausherrin: über dem Büro ihres
Gatten hatte Anna Magdalena Drechsler ein Gemach
zur Organisation des Haushalts. Daniel Flach hatte
drei halbwüchsige Kinder mit in die Ehe gebracht;
Ende 1673 und 1674 kamen zwei Kinder seiner jungen
Frau hinzu. Mit Bediensteten dürfte der Haushalt
etwa 15 bis 20 Personen umfasst haben.
Links der Deele über dem stuckverzierten Raum im
Erdgeschoss war ein zweiter besonders repräsentativ
ausgestatteter Raum - der Tugendsaal. Hier
beherbergte die Familie Flach die hochwohlgeborenen
Damen, wenn sie in Zellerfeld zu Gast waren und
hier Hof halten mussten. Er gilt als schönster Raum
des Hauses und hat seinen Namen von den
eindrucksvollen Stuckbildern an der Decke, die noch
heute den Reichtum und Repräsentationswillen der
Familie Flach zeigen.
An der Decke sind die sieben Tugenden dargestellt.
Frauenfiguren verkörpern die vier weltlichen
Tugenden Klugheit (prudentia), Gerechtigkeit
(iustitia), Tapferkeit (fortitudo) und Mäßigung
(temperantia) sowie die drei christlichen Tugenden
Glaube (fides), Liebe (caritas) und Hoffnung
(spes). Alle Figuren sind mit allegorischen
Attributen versehen, deren Bedeutung der gebildeten
Oberschicht in der Renaissance präsent war, heute
aber überwiegend in Vergessenheit geraten ist.
Lediglich Waage und Schwert als Attribute der
Iustitia sind uns auch heute noch geläufig und
lassen ahnen, welche Bedeutung das umfangreiche
Bildprogramm für das zeitgenössische Publikum
hatte.
Darüber hinaus sind in der Ausgestaltung der
Tugenden aber auch Bezüge zur Situation nach dem
verheerenden Brand und zum Bergbau erkennbar. Im
Hintergrund der Spes zeugen ein Gebäude mit blinden
Fenstern und Wind und Wolken davon, dass Hoffnung
auf Besserung auch in rauen Zeiten besteht. Die
Fortitudo wird vor einem Schachtgebäude mit
Ausbeutefahne stehend dargestellt und symbolisiert
damit auch das Vertrauen in die Stärke des
Bergbaus.
Die achte Stuckfigur stellt den Winter (Hyems) in
Form einer Männergestalt dar, die sich an einem
Feuerkorb wärmt. Der Bezug zur schwierigen
Situation nach dem Stadtbrand liegt nahe. Weitere
Stuckverzierungen zeigen in christlicher Symbolik
seltene Früchte und eine besondere Tierfigur.
Die Obergeschosse
Im zweiten Stock - ursprünglich nur über eine
Außentreppe zu erreichen - waren die Räume der
Kinder und der Bediensteten des Hauses. Sie
gehörten zur Privatsphäre der Familie Flach und
sollten möglichst unsichtbar bleiben, wenn die
Dienstgeschäfte des Hausherrn und die Anwesenheit
der Obrigkeit das Haus zu einem öffentlichen
Gebäude machten. Hier stand zu Zeiten der Familie
Flach der imposante Dielenschrank, der heute auf
der Empore vor dem Tugendsaal zu bewundern
ist.
Bis heute erhalten geblieben ist auch die
Rauchkammer im Dach, in der Lebensmittel für den
langen Winter konserviert wurden. (nach
Informationen von Bernd Gisevius, Restaurator und
Bauarchäologe, Clausthal-Zellerfeld - hz/HA)